10.6.2018
Hontanas nach Boadillo del Camino

Zweiter Tag mit knapp 30 km in Folge. Die Turmuhr schlägt sieben mal und der örtliche Gockel ruft hinterher. Wie zu Hause. Ich blinzele vorsichtig, aber ich bin nicht zu Hause. Also: Same prozedure as every morning. Klamotten packen und losstapfen. Es ist kalt und grau und es nieselt. Ich mache langsam um verlasse erst um 8:30 Uhr das Zimmer, da auch keiner gedrängelt hat. Der Nieselregen hat aufgehört. Ich habe kein Proviant mehr und erwerbe in der Bar, die schon auf hat, eine große Flasche Wasser (1,5L), befülle damit meine beiden kleinen Flaschen und trinke einen halben Liter direkt aus, damit die Flasche weg kann. Dann noch eine Vitaminpille und die vorletzte Schoki von der Geliebten. Das muss erstmal reichen. Es sind 10 km bis zum ersten Ort, da soll es dann Frühstück geben. Es ist Sonntag, alle Läden zu. Auf einem Schild steht: 457km to Santiago und 95 Leguas. Was Leguas sind, müsste ich mal wissen. Meilen sind auch genannt, aber das kennt man ja. Ein Legua scheint in etwa viereinhalb km lang zu sein.

Ich erreiche Castrogeritz planmäßig. Der rechte Oberschenkelmuskel macht sich ein wenig bemerkbar. Geht aber noch. Insoweit bin ich bisher pünktlicher als die Bahn. Es ist keine Strecke ausgefallen. Es wurde nicht gestreikt und es gab keine Panne. In einer Bar versuche ich Frühstück zu bestellen. Ich hatte mir Rührei mit Speck ausgemalt. Der Spanier vesteht mich nicht und zeigt immer wieder auf seine Theke in der diese Tortillas liegen. So kuchenartige Dinger aus Ei und Kartoffeln und anderem Zeug. Ist hier wohl üblich. Isst man kalt, warm, im Brot, mit Senf, ohne Senf, im Sitzen, im Stehen und so weiter. Will ich aber nicht. Rein optisch hat es etwas von Kich oder so nur dicker. Ei bitte, einfach nur Ei, kaputt gemacht, geschüttelt oder gerührt und gebraten. Jetzt mach schon. Wir einigen uns auf Omlette und ich hoffe, dass das geniesbar ist und keine Kartoffeln enthält. Dazu einen Milchkaffee. Es fängt an zu regnen und ich lasse mich an einem der vier Tische in der urigen Gaststätte nieder, packe mein Laptop aus und fange an zu schreiben. Anderhalb Stunden habe ich hier gesessen. Das Wifi ging nicht, aber ich habe alle Texte bis heute getippt und halt abgewartet bis der Regen aufhört. Hörte er aber nicht. Also lieber Herr Jakobus, der Weg ist noch weit und ich komme wegen Dir (und vielleicht auch meiner selbst Willen). Ich gucke spanisches NTV. Der Wetterbericht für die Region verheißt Debatten mit Jakobus. Zu den weiteren Nachrichten brauche ich sicher nichts zu sagen, die dürften allgemein bekannt sein. Diesbezüglich bin ich froh, dass hier bin und die letzten zwei Wochen mit dem Kram nichts zu tun hatte. Ich habe zwar nix verstanden, von dem was die blonde Spanierin da erzählte, aber die Bilder und Namen reichten, um sich den Rest zusammen zu reimen.

Inzwischen regnet es sehr doll und ich werde heute wohl naß. Ich beschließe den Heiligen auf die Probe zu stellen, fange an zu packen und gehe raus. Das Omlette war im Übrigen ok. Drei Eier gequirlt und zurechtgelegt. Der Regen geht in Niesel über und in leichtes tröpfeln. Es ist nicht trocken, aber es reicht auch nicht, um wirklich nass zu werden. Nagut. Unentschieden. So habe ich das Gefühl, wirklich behütet zu werden und der Heilige war nicht willfähig.

Kurze Zeit später geht es wie angekündigt steil bergauf. Ich ziehe die Jacke aus und marschiere. Bergauf kann ich gut. Kopf aus und los. Auf der Bergspitze angekommen geht es nach kurzer Ebene steil bergab. Bergab ist eher doof. Aber der Weg ist breit und geschottert. Es beginnt zu tröpfeln. Ich lehne mich nach hinten und machen eine Art Dauerlauf im Zickzack mit leicht gebeugten Knien. Ca. 10 Minuten, dann bin ich unten. Es kracht und es donnert und es regnet. Na schönen Dank auch. Wem nützt das jetzt und was soll der Scheiß. Der Weg verwandelt sich in einen Sumpf. Es geht nur schwer voran und ich muß Acht geben, das ich nicht in einer Pfütze versinke, da deren Tiefe sehr unterschiedlich ist und nicht eingeschätzt werden kann. Mit einem Blick zum Himmel drohe ich dem Heilige an, eine Tüte mit dem Matsch hier zu füllen. Da ich es für unwahrscheinlich halte, dass er mich mit herkönmmlichen Wetter aller Art letztendlich aufhalten kann, werden wir uns in ca. 3 Wochen in der Kathedrale von Santiago wohl sehen und im Gegensatz zu ihm habe ich dann eine Tüte Matsch! Dann frage ich mich, ob es wohl frevelhaft ist, einem Heiligen zu drohen und beschließe: Ne. Ich nur Mensch, der heilig. Der muß mir am Ende vergeben.

Gegen 15:30 Uhr erreiche ich nass Itero de la Vega. Es gibt Spiegelei mit Seranoschinken und Pommes und ein Bier. Geil. Mit leichter Genugtuung proste ich dem Heiligen zu, der das vermutlich gerade nicht hat. Nachdem ich aufgegessen habe kommt die Sonne raus. Ich gehe sogar ohne Hemd los und die letzten 8km auf gerader Strecke. Ich werde zwar etwas langsamer, aber ich komme vorwärts. Der Tag war lang. Hinter mir kommt ein Jogger ran. Klang aber nur so. tatsächlich war es eine kleine Spanierin, die mit doppelter Schrittzahl ging. Irre. Die lief nicht, aber machte zwar kleine aber extrem viele Schritte. Ich versuche zu zähler, während ich auf die kurzen strammen Beinchen gucke. Gelingt mir aber nicht. Irgendwie sieht es ein bisschen aus, wie beim Roadrunner. Man kann die Beine gar nicht mehr richtig erkennen sondern nur eine Art Kreisel. Das die beim Überholen nicht gehubt hat war alles. Und Hupen hatte sie....

Jacke und Shirt hatte ich am Rucksack festgemacht und lasse sie trocknen. Als ich im Zielort Boadillo ankomme, ist alles trocken. Na gut. Ich gebe den Matschplan auf und checke im örtliche Viehstall ein für einen Heiermann. Also die Gebäude hier sind inzwischen fast alle zu Viehställen umgenutzt worden. Oder ist es teilweise umgekehrt? Bedarf jedenfalls keiner Beschreibung. Keine Sterne. Das Bett gleicht einem Nest und entsprechend habe ich geschlafen bzw. auf den Morgen gewartet. Abends gab es noch ein Bier mit Flavi (die Belgierin) die immer wieder auftaucht und Diana aus Brühl, die auch mit mir gestartet ist. Dabei war noch ein junger Mann aus Irland und einer aus Italien. Die beiden haben sich angeregt mit einer jungen Blonden auf englisch unterhalten. Erst nach dem dritten Bier stellte sich dann heraus, dass der Italiener etwas Deustch konnte und die junge blonde aus Österreich kommt. Immer wieder lustig.


Entfernung nach Santiago. Man beachte die Messkennzeichnung.


Hier wäre ein Fährmann gut gewesen...




Eine Klosterruine oben und unten in Detailansicht die Nieschen, in die die damaligen Mönche Brot und Wasser für die vorbeiziehenden Pilger stellten.



Zwei historische Denkmäler auf einem Bild. links die Burg und rechts das Kloster von Castrogeritz



Oben der endlose Weg und unten die mobile Bewässerungsanlage der Felder. Gewaltig und mehrere hundert Meter lang!


und wieder ein Storch mitten in der Stadt. Fruchtbare Gegend hier...