Der Weg durch die Hölle
Boadilla nach Carrion de los Condes
Ich habe mich in aller Ruhe zurecht gemacht und sowieso nicht damit gerechnet, dass hier eine Putzfrau drängeln kommt. Geduscht hatte ich gestern abend nicht mehr. War dann doch zu spät. Morgens duschen soll man nicht, sagen die meisten, weil dann die Füße aufgeweicht sind und schneller Blasen bilden. Klingt logisch und lohnt auch nicht. Also erst wieder heute Abend duschen. Dann gehen auch das Hemd und die Socken von gestern noch mal, gewaschen habe ich nämlich auch nicht. Die beiden Hammertage mit je knapp 30 km liegen hinter mir. Heute sind es bei leichter Wegstrecke und ohne hoch und runter nur 26 km und die nächsten Tage werden noch kürzer. Kaum aus der Stadt raus, soll ich eine ganze Weile auf dem Deich dem Kanal folgen und diesen dann an einer Schleuse überqueren. Nun eine Schleuse ist hier, aber Schiffe haben die damit kaum bewegt, außerdem bin ich nicht viel auf dem Deich gelaufen. Also weiter und noch nicht überqueren. Sieht eh so aus, als würde es da nur in die Felder gehen.
Folgenschwere Fehlentscheidung!
Gegen zehn Uhr erreiche ich, zugegeben nach einer unbeschwerten und entspannten Wanderung durch Wiesen auf dem Deich entlang oberhalb der unendlichen Felder mit tollem Blick die Seele baumelnd an verdutzt guckenden Vögeln, die noch nie einen Pilger gesehen haben, vorbei, Requena de Campos und nicht das erhoffte Fromista, in dem ich frühstücken und Proviant aufnehmen wollte. Schließlich gab es heute noch nichts und gestern war Sonntag. Fromista sollte nur 5km sein. Genau richtig um Appetit zu machen. Da bin ich wohl in die falsche Richtung gelaufen. Und ich hatte es kurz vor der Brücke nach Requena, die gar nicht nach Schleuse aussah, schon geahnt. Schließlich war der Weg sehr unberührt. Keine Fußstapfen und Fahrradspuren, obwohl unmittelbar vor mir heute Morgen schon mindestens 50 Mann hier hätten durch sein müssen. Ein wenig ab vom Camino sieht die Welt im übrigen noch trostloser aus. Keine Bars, keine Läden, keine Menschen. Hier stand ich also nun in einem verlassen wirkenden Dorf und machte gar nicht erste den Versuch, etwas zu Essen oder zu Trinken zu bekommen. Ich fand ein Schild mit der Aufschrift "Fromista 7km".
Ich musste mich erteinmal ein paar Minuten sammeln, bis ich realisierte, was das nun für mich bedeutet. Zunächst also 7km mehr oder weniger zurück. Dann bereits ca. 7 km zuweit gelaufen. Also 14km, die mir im weiteren Tag zusätzlich in den Knochen stecken werden. Mal abgesehen davon, dass ich weder pünktlich noch entspannt mein nächstes Tagesziel erreichen werde, steht auch klar in Frage, ob ich es erreichen werde. Mit nun zu erwartenen rund 40 Kilometern würde das der mit Abstand längste Tagesmarsch ever. Und weiterhin nichts zu Essen/Trinken in Sicht. Also: Stechschritt auf der Landautobahn (Tempo 100 oder mehr fahren die hier, jedenfalls ist 70 aufgehoben). Glücklichweise nur wenig Verkehr. Vermutlich sind Fußgänger hier gar nicht zugelassen. Ich zähle Schritte (600 Doppelschritte = 1 km), Strommasten (stehen ca. 150m auseiander....) und Streifen auf der Straße. Die KM-Steine der Straße huschen nur so an mir vorbei. Ich stecke alle Energie in den Marsch und versuche möglichst wenig zu denken, damit ich mich nicht ägern muß. Der Weg auf dem Deich war zwar schön, könnte aber nun das gesamte weitere Vorhaben in Frage stellen. Wenn ich mich heute übernehme, nach zwei schon sehr harten Tagen, dann werde ich vielleicht zu mehreren Tagen Pause gezwungen und wenn ich vorher Rast mache, dann erreiche die nächsten Tagesziele nicht pünktlich. Um 11:11 passiere ich das Ortseingangsschild Fromista. 7km in knapp 70 Minuten. Ich laufe direkt durch in den nächsten Supermarkt. Für gemütlich in einer Bar frühstücken ist keine Zeit. Mist, da ich auch mit dem Schreiben und hochladen der Texte und Bilder nicht weiterkommen. Abends ist das WiFi nicht zu gebrauchen und Mittags hatte ich gestern schon nix. Ich kaufe für zwölfeinhalb Euronen ein. Frustessen und trinken ist angesagt:
- 1 Baguette
- 1 Liter Milch
- 3 Trinkpäckchen Saft
- 2 Dosen Fanta
- 200g Mousse Chokolatte
- Salami
- Schinken
- Mozarella
- Ziegenkäse
- 1,5 Liter Wasser
Wer mitgerechnet hat: rund 6kg Material.
Och neehhh. Der Rucksack ist nun wie Blei.
Ich trinke sofort eine Dose Fanta aus, fülle das Wasser um und nehme die Milch in die Hand, um die Beiladung des Rucksackes zu halbieren. Aber das Gewicht auf den Füßen bleibt. Wenig hinter der Stadt ist eine schattige Bank am Wegserand. Dort raste ich und frühstücke nun endlich. Ich habe die Füße ausgepakt und lasse sie im Wind trocknen. Es sind 10km bis Villarmentero, dem Ziel für die Mittagspause und es ist kurz vor zwölf. Einpacken, Füße neu tapen und los. Den Pudding und den Rest Milch in der Hand für unterwegs.
Um zwanzig vor drei passiere ich Villarmentero. Es ist jetzt etwa so spät, wie es wäre, wenn ich normal hier gewesen wäre und zwei Stunden Pause mit WiFi etc. gemacht hätte. Die fällt nun aus. Am Ortsausgang ist ein kleiner Park mit Tischen und Bänken. Ich esse ein Salamibaguette und trinke Fanta und lege mich auf einer Bank 1h schlafen. Es beginnt zu tröpfeln und ich betrachte das als Aufbruchsignal. Die Füße und die Achillessehnen sehen das anders. Schmerzen und Gänsefüßchenmarsch, mehr geht nicht. Es sind noch mal 10 km. Endlose Landstraße und wieder Schitte zählen und KM-Steine. Nur erheblich langsamer. In dem Tempo brauche ich geschätzte 4h.
Almählich geht es schneller vorwärts und der Gehapparat spiel sich wieder ein. Die Füße schmerzen und ich fürchte heute Abend wird es etliche neue Blasen geben, die mir die nächsten Tage versauen.
Noch drei km. Ein Kackreitz macht sich breit. Das fehlte noch. Offene Landstraße, nix wo ginge und sowieso schon keine Erfahrung im Volleykacken. Ich hole meine Quetschzange raus zum Finger beschätigen und mich abzulenken. Der Druck am Darmende wird immer größer. Ich kann es kaum noch halten und gehe schon gebückt. Flüchtige Blicke tasten die Straßenränder nach möglichen Entleerungsstellen ab. Keine Chance. Völlig egal was die Leute denken würden ist rechts und links vom Weg direkt ein kleiner Graben der Regenwasser abführt. Da komme ich nicht rüber oder nicht mehr raus. Wenn dann mitten auf den Gehweg kacken. Noch 1km. Hinter mir regnet es, donnert und blitzt, vor mir ist es blauer Himmel und sonnig. Über mir die Wetterkante (s. Fotos, keine Witz das war so!). Die Stadt taucht vor mir auf. Ich brauche nicht besonders erwähnen, dass dieser Kilometer endlos war und ich durch singen, klatschen und Gedichte aufsagen Ablenkeng geschaffen habe. Den Schmerz der Füße spürte ich gar nicht mehr. Dann der Ortseingang. Hektische Blicke in alle Richtung und ich erblike eine Schildertafel mit Hinweisen. 6 Herbergen aufgeführt. Ich entscheide mich nach links zu Santa Clare zu gehen und laufe sogar an einer Bar vorbei, denn gleich wird alles gut. Die Rezeption von Santa Clara ist nicht besetzt. Der Typ der davor auf den Treppen sitzt meint, dass da wohl gleich einer kommt, ich soll halt etwas warten. NEIN! Warten geht gar nicht. Also zurück und weiter in die Stadt hinein. Da eine Bar. Egal, dem mache ich jetzt die Schüssel voll. Buenos dias. Is there an albergue in the near? - Ja gleich um die Ecke nur darüber. Ich erblike das WC Schild und die fünf alten Männer, die auf Hockern davor sitzen und sich unterhalten. Also doch erst zur Herberge. Die finde ich aber nicht. In einem Kiosk erneut nachgefragt: Santa Clare oder Santa Maria. Clara hatten wir schon, also zur Maria. Im Eingangsbreich sitzen rund ein Dutzend weiß gekleidetet Schwestern und singen mit Gitarre. Ist das das Ende? Herberge voll. Kein WC in Sicht. Im Dauerlauf versuche ich die spanischen Anweisung umzusetzen, die mich zur Herberge Spiritus Sanktus bringen soll. Unterwegs treffe ich noch auf einen Pilger, der dort untergebracht ist und wohl bemerkt hat, dass ich durch die Straßen irre. Als ich durch das Tor in den Hof kommt, kommt mir Diana entgegen und freut sich. Fragt alles möglich. Flavi winkt. Die Anmeldung ist außen herum, sagt Diana. "Egal, wo ist das Klo?!" - Der Rest erklärt sich. Für nur fünf Euro komme ich hier unter. Das ist bisher das schönste und beste Haus. Keine Bunkbeds sondern richtige Einzelbetten. Duschen mit den Fünf Sternen für: Heiß, unbegrenzt, abnehmbare Brause, kein Schimmel in den Fugen, Stuhl und Haken davor zum Sachen ablegen. Sex pur! Während ich auf dem Bett liege und entspanne, nehme ich zwei Deutsche wahr, die sich unterhalten, was es zum Abendessen geben soll und wer einkaufen geht. Als die soweit klar sind rufe ich mit noch geschlossenen Augen, ob einer so nett ist, mir zwei Bier mitzubringen. Klar. Kurz drauf sitze ich mit den beiden im Dinigroom und bekomme sogar noch einen großen Teller Nudeln spendiert. Der eine ist aus Opladen, gebürtiger Schlebuscher und war auf dem Marianum. Haste Worte?

oben das Wetter vor mir und unten das Wetter hinter mir mit Donner Blitz und Regen

Und hier das Wetter senkrecht über mir!
Es war wie in Burgos. Unglaublich.

