Villafranca del Bierzo nach La Faba
Ich habe im Dachgeschoss geschlafen, vorgesehen für 20 Leute aber es war nur eine Britin außer mir da. Wir hatten fast ein bischen Angst, so alleine in dem großen Raum...
Geschlafen habe ich wie immer nur wenig. Dennoch bin ich gut drauf. Als ich mich um 7:30 Uhr erhebe, ist die Britin schon weg. Ich mache zügig aber ruhig mein Programm zu dem auch das morgentliche Tapen der Schadstellen an den Füßen gehört. Nun, da die Sache mit dem Tape ausgestanden ist, geht es etwas zügiger, weil ich nicht mehr nachdenken muß. Leukoplast! Whenever you have to tape something: Leukoplast. Use Leukoplast. Leukoplast will help you. Leukoplast. Und Seitenbacher Müsli.
Ich schütte mir den Liter Kakao rein, den ich gestern gekauft habe und nehme die Flasche Wasser in die Hand. Frühstück brauche ich heute nicht, bin noch satt von den Nudeln. Ich gehe durch die Gassen den wenigen Markierungen nach und suche nach dem Ortsausgang. Da entdecke ich eine kleine Kirche zwischen den Häusern. Die Türe steht offen, also gehe ich rein. Ca. 8 Nonnen singen und es scheint eine Messe zu sein. Ein Priester sitzt hinter dem Altar. Ich stelle meinen Rucksack ab uns setze mich leise. Katholisch und der Wortgottesdienst läuft noch. Evangelium, Predigt. Als der Priester predigte, lies ich meinen Blick in der Kirche schweifen, da ich eh kein Wort verstanden habe. Mein Blick blieb an einem großen Kreuz mit Heiland hängen. Ich sah mir das eine Weile an und stellte fest, dass ein Kreuz genaugenommen die Form eines Schwertes hat. Was gab es wohl zuerst? Das Kreuz oder das Schwert? Ich denke nach und mir kommen viele Gedanken in den Sinn. Vermutlich gab es das Schwert zuerst. Und die beiden kurzen Querstege hat es, damit im Gefecht die gegnerische Klinge nicht in die eigene Hand rutscht. Das Kreuz hingegen hat die beiden horizontalen Enden, um die Hände festzunageln. Also für die Hände sind diese kurzen Stücke im rechten Winkel und am kurzen Ende in beiden Fällen. Für die Hände, im Guten wie im Schlechten. Wenn man ein Schwert in die Hand nimmt, und unterstellt, es wäre sinnbildlich ein Kreuz, dann würde man Jesus dabei die Augen verdecken. Er sähe also nicht was man tut. Oder ist es vielmehr so, dass die Augen Jesu die eigene Hand führen statt der eigenen Augen? Um das herauszufinden, wird ein realer Schwertkampf erforderlich sein. Einer, bei dem es um Leben und Tod geht. Immer in der Geschichte, wenn Menschen mit Schwertern aufeinander losgingen, haben die Beteiligten vorher zu ihrem Gott gebetet. Oft war es so, dass beide Seiten zu dem gleichen Gott gebeten und möglicherweise vorb noch Opfer gebracht haben. Das dürfte selbst für einen Gott eine recht blöde Situation sein. Wie gut, wenn da im Gefecht die Augen zugehalten werden. Dabei war es vermutlich in jeder Schlacht so, das wenigstens eine Seite für Freiheit oder das nackte Überleben kämpfte, während die andere Seite meist andere Interessen verfolgte. Nun möge man Gott grundsätzlich auf der Seite derer sehen, die für Freiheit, ihr Leben oder das von anderen eintreten. Nunja, die Schlachten gingen dabei nicht immer mit dem sogenannten Happy End aus. Die Sieger bauten ihrem Gott eine Kirche, die Verlierer eben nicht. So haben manche Götter viele Kirche und manche nicht. Wer am Ende dabei mehr als ein Auge zu hatte bleibt offen. Fest steht jedoch sicher: Der Christliche Glaube/Gott ist noch da und kann somit nicht der falscheste sein. In meiner Wahrnehmung ohnhin der einzig wahre Glaube. Wäre ja auch inkonsequent, an etwas glauben zu wollen, dessen man sich selber nicht sicher ist. Und glauben heißt auch nicht wissen. Überzeugt sein kann man trozdem. Und am Anfang jeden Wissens steht zunächst der Glaube daran. In allen Fällen jedoch lohnt es sich, bis ans Ende seiner eigenen Überzeugung treu zu bleiben und dafür zu kämpfen. Keine Position ist jemals ausichtslos. Nichteinmal ans Kreuz genagelt zu sein war für Jesus aussichtslos. Nagut, er hatte einen Plan B. Mein Reden eben!
Die Predigt ist fertig, ich erweache aus minem Tagtraum. Es folgen Fürbitten, Wandlung und Kommunion. Ich gehe hin und bin willkommen. Der Segen wird erteilt und es fallen lautstark die Worte "Peregrinos" und "Buen Camino". Da ich der einzige Pilger in der kleinen aber schicken Kirche bin, weiß ich genau wer gemeint ist und freue mich so, dass ich ein paar Tränchen verliere. Dann ist Ende und frisch gesegnet sattel ich auf und gehe. Eine Schwester wendet sich noch zu mir und winkt. Ich nicke und verlasst die Kirche. So, heute kann mir nichts mehr geschehen, was nicht geschehen soll. Blauer Himmel, warm nicht heiß, keine Schmerzen dank Segen und Leukoplast. Leukoplast.......
Heute ist ein besonderer Tag, mal wieder. Ich hatte schon vor dem Verlassen der Herberge beschlossen, nicht in den Führer zu gucken, sondern einfach loszugehen. Mit einem Liter Kakao und 1,5 Kilo Wasser sowie noch zwei Powermüsliriegel, drei Eiern von vorgestern und einigen restlichen Muffins oder wie auch immer man die kleinen rechteckigen Kuchen nennt, bewaffnet, war ich schon vor dem Segen in der Erwartung, mindestens bis Mittag laufen zu können, ohne Zivilisation zu brauchen. Zumal ich schon wusste, dass ich weitegehend beschwerdefrei starten werde, dank L..........
Also bin ich die ersten 10km gelaufen. Es ging hoch und runter und insgesamt sehr gut. Ich war die ganze Zeit alleine. Also alleine mit meinen Gedanken. Nur selten ein anderer Pilger in Sicht. Ich bin gerne alleine und ich bin Individualist. Gesellschaft suche ich mir nur, wenn ich sie möchte oder wenn ich sie mag. Manchmal ärgere ich mich ein bisschen, dass ich nicht zu einer Gruppe oder so dazugehöre, wenn man hier abends schonmal zusammensitzt. Man merkt halt schon die Unterschiede zwischen hi und by und eben dazugehören. Aber dazugehören bedeutet eben auch, deutlich mehr Zeit miteinander verbringen und das will ich dann auch nicht, weil mir diese dann für die Gedanken in meinem Kopf fehlen. Als ich im ersten Ort ankam hatte ich noch immer über ein Kilo Wasser. Gefrühstückt habe ich noch nicht, der Kakao hat es halt gebracht. Nun aber machte sich der Hunger breit. Also marschiere ich durch das Dorf durch und suche mir danach einen schattigen Platz zu rasten am Wegesrand. Shirt aus und zum trocknen aufgehangen. Die Eier rein, einen Müsliriegel und ein paar Muffins. Mit Wasser runterspülen. Super. Dann noch ein bißchen texten. Flavi kommt vorbei und scherzt, ob das mein Büro wäre. Etliche andere Pilger passieren mich. Nach einer Stunde geht es weiter. Das Shirt ist trocken und ich gut gestärkt. Keine Schmerzen! Ich gucke in den Führer wie es nun weitergeht, da die Sonne ordentlich ballert und ich neues Wasser brauche, wenn es nun wieder 10km ohne alles werden. Aber nein. Die nächste Strecke bis zum heutigen Tagesziel hat alle 2 km einen Ort. Das ist schon beinahe lästig und mit viel Lauferei über Straßen verbunden. Ich nehme unterwegs eine Danone Erdbeermilch auf und eine Cola ud gehe ansonsten einfach durch. 15:40 Uhr bin ich schon da. Die letzten zwei Kilometer geht es steil bergauf. 30-40% Steigung und felsig. Ich erreiche eine Albergue, die wie das Paradies wirkt und checke ein. Eine kleiner Supermatk ist in der Nähe und ich kaufe Nudeln und Tomaten und Knoblauch sowie eine Literflasche Bier und Wasser für Morgen. 7,40 EUR, womit ich incl. der heutigen Übernachtungskosten von fünf Euronen und der beiden Getränke unterwegs genau 16,- ausgegeben habe und, das Wasser mit 1,- mal auf Morgen gebucht, die beiden teuren Vortage kompensiert habe. Später relativiert sich das nochmal, denn ich habe viel Zeit und sitze in dem schönen Garten und schreibe eben diesen Text, da ist das Bier schon alle. Um 20:10 Uhr ist hier eine kleine Andacht, ein Pater kommt. Danach will ich dann die Nudeln machen, und die müssen mit irgendwas runter. Also buche ich den Saft auch auf Morgen und hole mir eine zweite Flasche Bier für zweieinhalb Euronen.
Dann will ich noch anfangen zwei Texte ausarbeiten zu denen ich mir am 19.6. schon Stichworte gemacht habe, doch die Hostelliera kommt und fragt mich, ob ich die Kirchenglocken läuten könnte. Klar. Kurze Einweisung und dann ziehe ich zehnmal an dem Seil und die Glock läutet. Wir reden ein bißchen und ca. 15 Minuten später kommt der Pater angebraust und etwa zehn Piger haben sich vor der kleinen Kirche versammelt. Ich läute noch mal und alle gehen rein. Der Pater geht mit einem Säckchen herum in dem kleine Seine mit gelben Pfeilen drauf sind. Jeder darf sich einen nehmen. Sehr schöne Idee. Sie haben einige Texte vorbereitet in Englisch, Spanisch, Französisch und Deutsch. Ich lese einige deutsche Texte, die anderen Pilger in ihren Sprachen. Der Inhalt der Texte scheint weitgehend gleich. Die Steine sollen unseren Camino bedeuten und uns ein Lebenlang daran erinnern. Dann wird eine Öllampe angezündet und das Licht ausgeschaltet. Jeder soll im Stillen mit der Lampe in den Händen einen Wunsch vor Gott bringen. Ich wünsche mir .... Dann sollen alle nach vorne kommen. Wir verteilen uns um den kleinen, einfachen Altar, fassen uns an den Händen und beten gemeinsam das Vater unser. Jeder in seiner Sprache. Irgendwie ergreifend. Dann noch alle einmal umarmen und Buen Camino. Es ist die erste Kirche, in der die Lichter am Opferstock nicht elektrisch sind. Sonst wirft man eine Münze ein und ein paar Lichter wie am Weihnachtsbaum gehen für eine gewisse Zeit an. Albern. Hier stehen ewige Lichter. Vermutlich brennen die ein paar Tage und ich zünde eine an. Wenn sie eine Woche brennen sollte, dann leuchtet sie mir den gesamten restlichen Weg bis Santiago. Der Gedanke gefällt mir.
Danach wildes Treiben in der Küche. Flavi, Laura (oder Lora wie man in english sagt) und Marie aus Deutschland. Die drei tauchen immer wieder auf. Sind nett. Dann noch die juge nervige Italienerin. Anderhalb meter groß, schmal, kaum Titten, und irgendwie vorlaut. Für Temperament reicht es nicht. Will immer im Mittelpunkt sein und von Männern umgeben. Sie wirkt oberflächlich und irgendwie unsympatisch, obwohl sie nett ist. Zu nett eben. Aber alle mögen sie. Da muß man halt durch.
Ich koche meine Nudeln, öffne eine Dose Tomaten und schnibbel etwas Knoblauch rein und Salz. Lecker. Satt. Zweite Flasche Bier in Gesellschaft. Alles gut. Bettzeit.
Beim Einschlafen stelle ich fest, dass ich offenbar einen leichten Schnupfen habe und werfe zwei Aspirin ein. Immerhin trage ich die seit Wochen für einen ähnlichen Fall mir mir herum.



Mein Shirt beim trocknen während der Mittagspause am Wegesrand

... und der Typ beim trocknen.

